“Nein!” sagen und Schlussstrich ziehen – Lernerfahrungen aus meinem Gap-Year

Den Wunsch, nach meinem Abitur ins Ausland zu gehen, hatte ich schon sehr lange. Als es dann endlich soweit war, war jedoch alles anders als gedacht.

Alles begann im Spätsommer 2019. Es waren nur noch ein paar Monate bis zur heißen Phase der Abiprüfungen. Wer schon mal ein Gap-Year gemacht hat, weiß, dass rechtzeitige Planung und Organisation das A und O sind – egal ob für ein Au-pair-Jahr oder einen Freiwilligendienst. Meistens sind die Bewerbungsfristen schon im Herbst oder Winter. Also ging es erstmal ans Brainstorming!

Ich wusste ja, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, wie ich mein Gap-Year im Ausland gestalten kann. Aber so viele?! Work and Travel, Au-pair-Einsatz, Freiwilligenarbeit innerhalb oder außerhalb der EU….

Wenn man sich dann mal für eine Möglichkeit entschieden hat, gibt es eine Flut an Organisationen, die man erstmal „studieren“ muss, um das richtige “Match” zu finden!

Schlussendlich hatte ich nach einiger Recherche und verschiedenen Bewerbungsprozessen eine Stelle als MaZ (Missionarin* auf Zeit) beim Orden der Salvatorianer ergattern können. Mein perfektes Match! Ein Jahr in Manila als Vorschullehrerin für die Kinder vor Ort in den Slums.

Meine “Mitfreiwilligen” und ich standen schon mitten in den Vorbereitungen, als Corona kam und uns einen Strich durch die Rechnung machte. Ein Freiwilligendienst unter dem Schirm von weltwärts war in Zeiten einer Pandemie einfach nicht möglich. Also musste ein Plan B her!

(Mehr Informationen zu weltwärts gibt es hier: weltwärts fördert Freiwilligendienste und Begegnungsprojekte. Dementsprechend befinden sich unter dem Schirm von weltwärts sehr viele tolle Träger, die einen Freiwilligendienst anbieten!

https://www.weltwaerts.de/de/ueber-weltwaerts.html )

Da mir aufgrund der Corona-Situation nur noch ein Gap-Year innerhalb von Europa realisierbar erschien, entschied ich mich relativ kurzfristig für eine Au-pair-Stelle in Barcelona. Gesagt, getan! So begann September 2020 meine Reise in eine Zeit voller Herausforderungen und Learnings.

Vor meinem Au-pair-Einsatz hätte ich niemals gedacht, dass Aupairing eine dermaßen intensive Erfahrung sein kann! In meinen Vorstellungen hatte ich immer dieses Bild einer typischen Au-pair Werbung, das beispielsweise auch in Filmen vermittelt wird: Ein junges Mädchen*, das gerade mit ihrem* Abschluss fertig geworden ist und nun in die USA fliegt, um dort „IHR* JAHR“ zu erleben.

Mal ganz davon abgesehen, dass Aupairing auf der ganzen Welt möglich ist und es auch Au-pairs gibt, die ihren Einsatz erst nach dem Studium absolvieren, sind es nicht nur Mädchen*, die als Au-pairs tätig sind. Während meines Au-pair-Einsatzes in Barcelona bin ich auch auf einige Jungs* gestoßen, die sich dieser Erfahrung gestellt haben. Und ja ich sage bewusst „gestellt haben“! Der Alltag eines Au-pairs ist nicht immer so „movie-like“, wie man es sich vielleicht vorstellt. Es ist nicht nur die Tatsache, dass du plötzlich Teil einer fremden Familie bist, aber trotzdem auch immer irgendwie Gast, sondern vielmehr, dass es sich anfühlt wie ein Schnuppern in das Eltern-Dasein. Und glaubt mir, das ist nicht immer einfach. Ganz und gar nicht!

Ich selbst würde von mir behaupten, dass ich eine sehr starke junge Frau bin. Mit “stark” meine ich in diesem Kontext selbstbewusst, stressresistent und im Umgang mit Kindern sehr emphatisch und geduldig. Beim Aupairing bin ich jedoch nicht nur einmal an meine Grenzen gestoßen. Bei der fast täglichen Betreuung der Kinder schlüpft man zwar quasi in die Rolle der Eltern, aber logischerweise hast du trotz allem nicht die selbe Wirkung auf die Kinder. Je nach Alter sind sie sich sehr wohl bewusst, dass du “nur” das Au-pair bist und versuchen dementsprechend sehr stark, die Grenzen auszutesten. Dabei kann es dann oft sehr wild zugehen. Aber eins ist klar, vor allem bei Teenagern muss der Respekt hart erarbeitet werden.

So kam es, wie es kommen musste, dass meine erste Au-pair-Familie leider kein „perfektes Match“ für mich war. Ich könnte nun etliche Gründe und Erlebnisse aufzählen, warum es nicht gepasst hat, aber das würde definitiv hier den Rahmen sprengen. Im Endeffekt war die Tatsache entscheidend, dass ich mich dort einfach nicht wohlgefühlte, egal wie sehr ich es auch versucht hatte. Ein Au-pair-Einsatz funktioniert so aber einfach nicht. Immerhin arbeitest du nicht nur für die Gastfamilie, sondern lebst zugleich auch mit ihr zusammen.

So musste ich leider auf die harte Tour lernen, dass sich Stärke nicht nur über Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit definiert, sondern manchmal vielmehr dadurch, zu wissen, wann Schluss ist und so konsequent zu sein, diesen Schlussstrich – wie schwer es auch sein mag – zu ziehen. Zudem habe ich dadurch verstanden, dass ich es einfach nicht allen recht machen kann und muss! Dies habe ich in Barcelona zwar leider auf eine sehr unschöne Art und Weise erfahren, aber das hat mich definitiv auch zu einer stärkeren Frau gemacht, die nun erkennt, wann es reicht und im Stande ist, „Nein“ zu sagen! (Diese Eigenschaft ungern „Nein“ zu sagen und das Gefühl es allen recht machen zu müssen, habe ich jedoch nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen Freundinnen* bemerkt. So als läge es in der Natur der Frau* – … und das ist definitiv nicht so!)

Nach meinem sehr kurzfristigen Au-pair-Stellen-Wechsel bin ich glücklicherweise bei einer wunderbaren Familie gelandet, die mir gezeigt hat, dass Aupairing bei der richtigen Gastfamilie definitiv eine wunderschöne Erfahrung sein kann!

Dieses Jahr hat mich auf jeden Fall schon jetzt – auch wenn es noch nicht vorbei ist – menschlich so weit vorangebracht!

So hat es mir nicht nur ein Mal mehr gezeigt, dass die soziale Arbeit wirklich meine Passion ist, sondern es führt mir auch immer und immer wieder vor Augen, wie wertvoll unser Leben ist und wie wichtig es ist, dass wir dieses eine Leben, das wir haben, mit dem verbringen, was uns erfüllt!

Also, packt den Stier bei den Hörnern und seht zu, dass ihr euren Weg findet und glücklich werdet – auch wenn das oft gar nicht so einfach ist, wie es klingt! Wichtig ist auf jeden Fall, dass ihr euch immer wieder fragt, was für euch stimmig ist und was nicht. Wenn etwas nicht stimmig ist, gilt die alte Weisheit: “Ein klares Nein zur rechten Zeit erspart viel Widerwärtigkeit.”

Eure Sofie

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