Alles andere als normal.

Bildung und Schulabschluss für Mädchen* in Tansania

Es ist Montag, 8 Uhr im St. Francis Trainingscenter in der Nähe von Arusha in Tansania. Für etwa 40 Schülerinnen* beginnt gerade die Schule. Von Montag bis Freitag erhalten sie Unterricht in verschiedenen Fächern wie Mathematik, Englisch und Geschäftsführung. Sie lernen Nähen und Gartenarbeit. Vor allem aber lernen sie die verschiedensten Gerichte zu kochen, denn das St. Francis Trainingscenter ist eine Schule, in der Mädchen* in einem zweijährigen Kurs zu Köchinnen* ausgebildet werden. An den Wochenenden machen sie Sport – das Center ist ein Internat und wird von Ordensschwestern geleitet – sie arbeiten im Garten und waschen ihre Kleidung. Sonntags und auch ab und zu unter der Woche nehmen sie am Gottesdienst teil, manchmal lesen sie die Lesung oder sind für die Auswahl der Lieder verantwortlich. Höhepunkt des Wochenendes ist der Samstagabend: Da wird gemeinsam gesungen und getanzt. 

Ein Jahr lang habe ich ihren Alltag geteilt: Von Oktober 2015 bis September 2016 habe ich in Poli Singisi, im Norden Tansanias, als „Missionarin* auf Zeit“ (MaZ) bei den Missionsschwestern vom Kostbaren Blut gelebt und im St. Francis Trainingscenter gearbeitet. Mehrmals die Woche habe ich die Mädchen* in Englisch und Deutsch unterrichtet, mit ihnen Fußball gespielt, Geschichten erzählt, der Schulleiterin bei administrativen Aufgaben geholfen und viel erlebt.  

Was ich da beschreibe, ist wohl erst mal nichts Ungewöhnliches. Viele junge Leute gehen nach dem Schul-/Uniabschluss ins Ausland, machen „Work and Travel“, arbeiten als Au-pair bei Familien oder eben als MaZ in verschiedenen Projekten mit. Die meisten wollen wohl einfach mal etwas anderes sehen, sich ausprobieren, Neues erleben. Da ging es mir nicht anders. 

Im Nachhinein kann ich sagen, dass die Zeit als MaZ wohl eine der prägendsten meines Lebens war: Angefangen von der Vorbereitungszeit und der Auseinandersetzung mit den verschiedensten Themen über die Zeit im St. Francis Trainingscenter zum Engagement als MaZ-Rückkehrerin*. Ich durfte tollen Menschen begegnen, viele Erfahrungen machen und noch mehr lernen – vor allem über mich selbst. 

Ich habe vieles mitgenommen (und damit meine ich nicht materielle Dinge), bin selbstbewusster und offener geworden, habe neue Sichtweisen kennengelernt und wurde immer wieder mit meinen Privilegien konfrontiert. Privilegien, die ich oft gar nicht wahrgenommen habe oder die für mich einfach selbstverständlich waren. Beginnend damit, dass ich als Deutsche* einen der „mächtigsten“ Reisepässe der Welt besitze – mit nur wenig Aufwand kann ich die meisten Länder der Welt bereisen – bis zu der Tatsache, dass ich einen Schul- und sogar einen Uniabschluss besitze. 

Einen Schulabschluss haben – Was sich vielleicht im ersten Moment relativ normal anhört, ist es auf den zweiten Blick nicht. 2017 besuchten etwa 87 % der Kinder und Jugendlichen in Tansania eine Grundschule und nur etwa 30 % eine weiterführende Schule. (Eine UNICEF-Studie aus dem Jahr 2018 schätzt, dass etwa 3,5 Millionen Kinder in Tansania nicht zur Schule gehen.) Obwohl das Recht auf Bildung zu den Grund- und Menschenrechten gehört, ist der Besuch, geschweige denn der Abschluss einer Schule für viele Kinder und Jugendliche in Tansania nicht möglich. Insbesondere bei Mädchen*, Kindern mit körperlichen und geistigen Einschränkungen oder welchen aus sehr ländlichen Gegenden, in denen Schulen oder andere Bildungseinrichtungen fehlen, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass sie die Schule ohne Abschluss verlassen oder erst gar nicht besuchen.

Neben finanziellen Gründen (Obwohl der Besuch der öffentlichen Schulen seit 2015 in Tansania kostenlos ist, haben viele weite Schulwege zurückzulegen oder müssen öffentliche Verkehrsmittel nutzen, die sie sich nicht leisten können.) gibt es vor allem zwei Gründe, warum viele Mädchen* und junge Frauen* die Schule nicht besuchen bzw. abschließen können: frühe Heirat und Schwangerschaft im Teenageralter. 

Laut einer Studie heiraten etwa 40 % der tansanischen Mädchen*, bevor sie 18 Jahre alt sind. 97 % der verheirateten Mädchen* gehen aufgrund der Hochzeit oder aufgrund einer Schwangerschaft nicht in die Schule. 

Gerade Schwangerschaften stellen ein großes Hindernis für den Schulbesuch dar, denn John Magufuli, der tansanische Präsident*, hat 2017 ein Gesetz erlassen, das es Schwangeren* und jungen Müttern* untersagt am Schulunterricht teilzunehmen. Aber auch zuvor schon wurden schwangere Schülerinnen* der Schule verwiesen: Zwischen 2003 und 2013 mussten über 55.000 Mädchen* die Schule aufgrund einer Schwangerschaft abbrechen. Viele würden nach der Geburt gerne wieder zur Schule gehen, aber oft fehlen finanzielle Mittel oder die jungen Frauen* werden an den Schulen nicht als Schülerinnen* akzeptiert. 

Umso wichtiger ist es, dass es Schulen und Programme gibt, die speziell jungen Mädchen* und Frauen* eine schulische Ausbildung ermöglichen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen*, die eine weiterführende Schule abschließen heiraten, bevor sie 18 Jahre alt sind, ist laut entsprechender Studien um 92 % geringer als bei denjenigen, die „nur“ die Grundschule abgeschlossen haben. Bildung ist also u. a. ein sehr gutes Mittel, um Frühehen zu verhindern. 

Eine Erfahrung, die ich auch bei „meinen“ Schülerinnen* von St. Francis gemacht habe: Viele von ihnen arbeiten seit dem Abschluss ihrer Ausbildung in Restaurants oder Hotels, einige sind inzwischen verheiratet und haben Kinder – aber das erst, nachdem sie die Ausbildung abgeschlossen und das 18. Lebensjahr erreicht haben. 

Das Wichtigste, was mir nach fast einem Jahr als MaZ in Tansania wohl geblieben ist, ist Dankbarkeit. Dankbarkeit für ein besonderes Jahr, für die Menschen, denen ich begegnen durfte und dafür, dass ich einige Mädchen* ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten durfte (und teilweise noch darf).

Anna Lena

https://www.unicef.org/tanzania/what-we-do/education

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