„Der klassische Veganer*“ – eine Frau*?

Ich esse Fleisch. Aber ich interessiere und begeistere mich trotzdem für vegane Ernährung. Klingt im ersten Moment schon etwas seltsam, oder? Das dachten sich meine Freund*innen wahrscheinlich auch, als ich ihnen mal wieder ein neues veganes Gericht zum Probieren vor die Nase gesetzt habe. Aber so abwegig ist das Ganze eigentlich gar nicht: Wenn man im Internet nach Fakten über Veganer*innen sucht, wird man sehen, dass ich sogar fast dem Klischee entspreche. Klar, ich bin keine Veganerin*, aber ich bin weiblich*, jung, gut gebildet und meine Eltern haben ein gutes Einkommen. All diese Dinge machen laut Studien „den klassischen Veganer*“ aus. Außerdem lebe ich in Bayern, dem Bundesland, das zusammen mit Baden-Württemberg den höchsten Anteil an Einwohner*innen hat, die auf tierische Produkteverzichten. Doch woher kommt die Vorstellung, dass „der klassische Veganer*“ weiblich* ist? Wenn man Statistiken Glauben schenkt, dann stimmt das Klischee. In Deutschland ernähren sich derzeit etwa 1,3 Mio. Menschen rein pflanzlich, wovon ca. 70 % Frauen* und 30 % Männer* sind. Wenn wir jedoch eine Zeitreise zurück in die Antike unternehmen, sieht das ganz anders aus.

Pythagoras und der Veganismus

Den „Satz des Pythagoras“ kennt sicher jede*r aus dem Matheunterricht. Doch nicht nur dieser Satz stammt von ihm*. Pythagoras (ca. 570-510 v. Chr.) ist auch mit dem Vegetarismus bzw. dem Veganismus in Verbindung zu bringen. Schon damals in der Antike vertrat er* mit dem Ausspruch „Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen zurück.“ eine durchaus moderne Haltung. Er* und seine* Befürworter*innen verzichteten nicht nur auf religiöse Tieropfer, sondern lehnten auch nach dem Motto „Wer Tiere tötet, ist auch in der Lage, Menschen zu töten.“ das Essen von Fleisch ab. Seine römischen Befürworter*, der Philosoph Seneca sowie Ovid und Plutarch, unterstützen ihn* in seinem* Denken. Trotzdem gelang es ihnen damals nicht, die vegetarische bzw. vegane Lebensweise weiterzuverbreiten. Mit dem Ende der Antike gingen die ersten Formen des Veganismus unter.

Auch in der frühen Neuzeit waren es wieder Männer* wie Leonardo da Vinci oder Voltaire, die sich für vegetarische oder vegane Ernährung aussprachen. Also warum genau gelten dann Frauen* als „klassische Veganer*“?

Jäger* und Sammler* als Ursprung des Klischees?

Und wieder müssen wir in ein anderes Zeitalter, um der Antwort auf unsere Frage näherzukommen. Wenn du an die Steinzeit denkst, welches Bild kommt dir dann in den Kopf? Also in meiner, zugegeben ziemlich vorurteilshaften Vorstellung sehe ich einen Mann*, der gerade ein Mammut erlegt, während eine Frau* im Wald Beeren sammelt – die typischen Jäger* und Sammler* (bzw. dann ja eigentlich Sammlerinnen*). Der Mann* ist der Fleischesser*, die Frau* ernährt sich von Pflanzen. Agieren wir in der heutigen Zeit nach diesem „Ernährungsgeschlechterklischee“?

Auf meine Familie bezogen stimmt das definitiv. Für meine Brüder* ist Fleisch ein Muss, wohingegen der weibliche* Teil unserer Familie gerne auf Fleisch verzichtet. Diese Unterschiede hängen meines Erachtens zu einem großen Teil mit den gesellschaftlichen Erwartungen zusammen und weniger mit der biologischen Bestimmung. Während Fleisch und Alkohol häufig als „starke“, männliche* Nahrungsmittel betrachtet werden, gelten Obst, Gemüse und Säfte als „schwache“ und weibliche*. Hinzu kommt, dass wir Frauen* uns oft besonders gesund ernähren, u. a. weil wir uns (auch nicht selten aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen) einen Traumkörper wünschen bzw. schlichtweg gesund sein und leben wollen.

Da haben wir unsere Antwort: Das Klischee deckt sich (noch) weitgehend mit der in Deutschland gelebten Praxis, dass viele Mädchen* und Frauen* mehr Wert auf ihre Ernährung legen sowie sich gesünder und ausgewogener ernähren wollen als Jungen* und Männer*. Und wer sich vegan ernährt, muss sich nun mal zwangsläufig damit auseinandersetzen, was genau auf den Teller kommt. Also Ladies, „der klassische Veganer*“ zu sein, heißt nichts weniger, als dass wir auf unseren Körper achten und uns gerne gesund ernähren. Das ist ja wohl nichts Schlechtes, oder?

Wer – so wie ich – auch mit bekennenden Fleischliebhabern* zusammenwohnt und ihnen trotzdem zeigen möchte, wie lecker vegane Gerichte sind, könnte mal Folgendes ausprobieren: einfach etwas Veganes kochen, es ihnen vorsetzen, ohne zu verraten, dass da weder Fleisch, Ei, Milch oder Ähnliches drin ist und auf die Reaktion freuen, wenn man dann schließlich die Zutaten bekannt gibt. So habe ich meinen Brüdern* schon das ein oder andere „Was wirklich? Das merkt man gar nicht!“ oder „Das kannst du ruhig öfter machen.“ entlocken können. 😉

Vielleicht finden u. a. durch solche Aktionen mehr Jungen* und Männer* auf die Spuren von Pythagoras zurück und „der klassische Veganer*“ wird Realität?

Karolina

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