Frauen* in „Männer*jobs“

Ohne Corona-Pandemie hätte heute – am 26. März 2020 – wieder der „Girls‘ Day“ stattgefunden. Der Tag, an dem Schülerinnen* Einblick in Berufsfelder erhalten können, die Mädchen* bei ihrer Ausbildungs- und Berufswahl nur selten in Betracht ziehen. Mehr dazu auf: https://www.girls-day.de

Eine der diesjährigen Gestalterinnen* dieses Blogs, die FATAListin* Kerstin, hat sich für einen männer*dominierten Beruf entschieden und erzählt von ihren* Erfahrungen:

Gerede auf der Straße, unangebrachte Kommentare und vor allem diese undefinierbaren Blicke von den Leuten, wenn ich morgens mein Wohnheim verlasse oder zum Frühstück gehe. Aber warum ziehe ich die Aufmerksamkeit der anderen auf mich? 

Meine Ausbildung zur*zum Werbetechniker*in bzw. zur*zum Schilder- und Lichtreklamenhersteller*in ist kein typischer „Frauen*beruf“. Autos putzen und folieren, Schilder montieren und das Tragen von Platten, Schildern und anderen schweren Dingen ist für viele „Männer*sache“ und zu dieser Vorstellung passen auch die große dicke Arbeitshose und die Sicherheitsschuhe.

Wenn ich mich morgens in meinem Wohnheim fertigmache und zum Frühstück gehe, spüre ich schon die ersten Blicke und das Getuschel. Zwischen Blusen, hohen Schuhen und Bürofrisuren falle ich mit meiner Arbeitshose und meinen Stahlkappenschuhen eben doch ein wenig auf. Es ist anstrengend, immer und überall aufzufallen, vor allem, wenn es keinen Grund dafür gibt. In meinem Wohnheim gibt es Leute mit einem breiten Spektrum an Berufen, doch Handwerker*innen sind hier wirklich in der Unterzahl. Das macht es für mich natürlich schwer, dort ganz normal zu leben, weil mir jede*r immer hinterher schaut. Auch Anschluss zu anderen Frauen* zu finden ist nicht ganz leicht, weil viele aufgrund meiner Berufswahl ausschließen, dass ich mich auch für ihre Themen interessieren könnte. Der Großteil der Masse läuft zwar einfach an mir vorbei, ein Blick bleibt aber fast immer hängen. Ich bezweifle, dass sich die meisten bewusst sind, wie unangenehm es für mich ist, oft Leute im Hintergrund über mich reden zu hören. 

Ich arbeite in einer kleinen Firma, meine zwei Kolleg*innen und ich sind des Öfteren auf Montage unterwegs und auch hier passiert es ab und zu, dass wir mit unserem Werkzeug vor den Leuten stehen, sie uns ansehen und verwirrt anmerken, dass sie nicht mit Frauen* gerechnet haben, da das ja eher eine Männer*tätigkeit wäre. Sogar mein Chef* steckt mich in eine Schublade und betont gerne immer mal wieder, dass es bestimmte Bereiche gibt, die er* mir „erspart“, weil das „eher die Männer* machen“. Beim Kauf der Arbeitskleidung merkt man auch, dass man im Baumarkt eher weniger etwas für Frauen* findet. Eine Arbeitshose für Frauen* hing da unter etlichen Männer*schnitten. Das stellt aber nicht wirklich ein Problem dar – der Männer*schnitt ist viel bequemer und mit Gürtel hält die Hose 1a. Im Großen und Ganzen finde ich, das Nervigste ist, immer wieder zu hören, dass man zu schwach wäre, um irgendetwas zu heben oder sonst was. Die meisten Leute schauen eben kurz etwas überrascht und das war‘s dann auch.

Mein Beruf bzw. meine Arbeitskleidung führt aber auch dazu, dass Menschen mich interessiert ansprechen, wie ich denn auf so etwas gekommen bin. Einerseits ist es komisch, schief angeschaut zu werden, weil man etwas Handwerkliches macht und andererseits lerne ich dadurch neue Leute kennen. Ich wage mal zu behaupten, dass eine Bürokauffrau* nicht so oft auf der Straße gefragt wird, wie sie* zu ihrem* Beruf kommt. 

Es ist interessant zu sehen, wie in so vielen Köpfen noch klare Grenzen zwischen der Arbeit, der Kleidung und dem Verhalten von Männern* und Frauen* gezogen werden. Ich nehme mich da allerdings nicht raus, immerhin sage ich ja auch, dass mein Beruf eher ein Männer*beruf ist. Ich persönlich kenne sehr viele junge Frauen*, die in eher männer*dominierten Bereichen arbeiten und ich denke, für die meisten Menschen ist das auch kein Problem, trotzdem sollten wir daran arbeiten, unser Schubladendenken so weit wie möglich einzustellen. 

Kerstin

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