Thematische Gruppenstunde Gendern – Was ist das denn?

Anmerkung für Leser*innen jenseits der Jugendarbeit:

Dieser Blog wird von Mädchen* und Frauen* aus der Jugendarbeit geführt. Daher ist es uns wichtig, praktische Vorschläge für die Arbeit mit Gruppen zu veröffentlichen. Die Inhalte des Beitrages sind jedoch auch für jene interessant, die sich mit dem Gendern auseinandersetzen wollen oder anderen (z. B. Schulklassen, Freund*innen, Familie, …) – außerhalb des Rahmens einer Gruppenstunde – die geschlechtergerechte Schreib- und Sprechweise vermitteln wollen. (Erklärungen zu verbandsinternen Begriffen oder Abkürzungen finden sich unter „Hä? Was ist denn eigentlich…“)

Den meisten von uns (ehemaligen) Gruppenleiter*innen der J-GCL sollte „Gendern“ ein Begriff sein, denn bei der Jahreskonferenz 2018 wurde beschlossen, dass wir geschlechtergerechte Sprache mit dem „Gendersternchen“ verwenden. Die Wenigsten von uns sind wahrscheinlich Profis darin, aber das müssen wir auch nicht sein. Allein, dass wir versuchen, niemanden durch unsere Sprache zu diskriminieren, ist sehr gut und vorbildlich.

Unsere Aufgabe ist es jetzt, dieses Wissen an unsere Gruppenmitglieder weiterzugeben, denn gerade die jungen unter ihnen werden in der Regel noch nicht viele Berührungspunkte mit dem Gendern gehabt haben oder haben evtl. noch nie davon gehört. Diese thematische Gruppenstunde eignet sich dafür, den Kindern/Jugendlichen einen spielerischen Einblick in das Thema Gendern zu ermöglichen. Der benötigte Zeitumfang beträgt etwa 1,5-2 Stunden.

Für alle, die noch nie von dem Begriff Gendern gehört haben:

„Gendern“ (nach „gender“, engl. für „soziales Geschlecht“ bzw. „kulturell geprägte Geschlechterrolle“) meint das Anwenden von sprachlichen Formulierungen, die nicht durch ein ausschließliches Verwenden männlicher Formen (z. B. „Schüler“) nicht-männliche Menschen ausgrenzen, sondern diese (Frauen*, Intersexuelle, Transsexuelle usw.) mit einschließen.

  1. Wie startet man am besten eine Gruppenstunde? Na klar, mit einem Warm-Up. Hierfür eignet sich z. B. ein Ratespiel, wo die Gruppenmitglieder das Geschlecht der abgebildeten Personen erraten sollen. Dafür druckt man mehrere Bilder von verschiedenen Menschen aus. Das Ziel des Spiels ist es, die Individualität jeder Person zu erkennen. Die Gruppenmitglieder sollen nämlich die Menschen in drei Kategorien einordnen: männlich*, weiblich*, divers bzw. „individuell/nicht zuzuordnen“. (Zunächst sollte man jedoch erfragen, ob alle Begriffe verstanden werden und falls dies nicht der Fall ist, diese erklären. Alternativ könnte man am Ende des Spiels noch mal genau erläutern, welche unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten diese Begriffe umfassen.) Nach diesem Spiel sollte, wie nach jedem der noch kommenden Spiele, reflektiert werden: Wie habe ich mich mit der Aufgabe gefühlt, Personen zu kategorisieren? Wieso habe ich den Drang, Menschen sofort in Schubladen zu stecken? Möchte ich denn einer dieser Kategorien zugeordnet werden? Die Aufgabe der Leitung ist es nun, falls die Gruppe nicht selbst zu dem Schluss kommt, klarzustellen, dass wir alle Individuen sind und unser Geschlecht nur ein Aspekt unseres „Ichs“, unserer Persönlichkeit ist. Außerdem ist es wichtig, zu betonen, dass es bei diesem Spiel – ohne Kommunikation mit den Abgebildeten – keine richtigen Ergebnisse geben kann, weil wir nach dem Aussehen einer Person nicht urteilen können, zu welchem Geschlecht diese sich zugehörig fühlt.
  2. Nun kann man mit einem aktiveren Spiel – „Heiße Kartoffel“ – anknüpfen. Dafür stellt sich die Gruppe in einen Kreis und die Leitung bekommt einen Ball, der die Kartoffel symbolisiert. Es wird ein Timer für 1 Minute gestellt. Reihum wird die „heiße Kartoffel“ nun zügig weitergegeben, denn niemand möchte sich ja die Finger verbrennen und das Ziel des Spieles ist, so viele Begriffe wie möglich in einer Minute zu nennen. Die Person, welche den Ball zuerst hat, denkt sich eine Personenbezeichnung aus und nennt die männliche Form von dieser (z. B. Lehrer*). Die nächste Person muss dann mit der weiblichen Form (Lehrerin*) anknüpfen und abschließend fehlt dann noch die geschlechtsneutrale Form (Lehrkraft). Die Leitung sollte darauf achten, dass Begriffe ausgewählt werden, von denen man alle drei Formen bilden kann. Falls es jedoch zu Ratlosigkeit beim Bilden der richtigen Form oder bei der Findung eines neuen Begriffes kommen sollte, kann die „heiße Kartoffel“ ruhig auch ohne Nennung eines Begriffs weitergegeben werden, sodass sich niemand die Finger verbrennt. (Die Leitung sollte darauf vorbereitet sein und mehrere geeignete/vielseitige Begriffe im Vorhinein heraussuchen. Wenn der Gruppe nichts mehr einfällt, ist es so möglich, die Kartoffel der Leitung zuzuwerfen, die einen neuen Begriff einbringen kann. Danach ist das Reflektieren mit der Gruppe wichtig: Welche von den Formen benutzt ihr am häufigsten? Durch welche Formen fühlt ihr euch angesprochen und warum? Durch welche nicht und warum nicht? Werden durch diese Formen alle Geschlechter angesprochen, die es gibt? Die Reflexion kann mündlich durchgeführt werden oder schriftlich auf großen Blättern stattfinden. In beiden Fällen kann der*die Gruppenleiter*in äußern, was ihm*ihr auffällt, welche Tendenz sie*er sieht und auch nochmal am ein oder anderen Punkt nachfragen.
  3. Um dies zu vertiefen, bietet es sich nun an, ein Standogramm zum Thema „sich angesprochen fühlen“ durchzuführen. Dafür versetzt sich die Gruppe in die Rolle des Mannes* und wird entlang vorbereiteter Personenbezeichnungen gefragt, ob sie sich durch die männliche*, weibliche* und neutrale Sprachform angesprochen fühlt. Das Gleiche spielt man in der Rolle der Frau* und des*der Diversen durch. Nun sollte es allen klar geworden sein, dass man sich nicht durch alle Formen angesprochen fühlt, außer durch die geschlechtsneutrale Form. Falls diese Erkenntnis beim Reflektieren nicht offensichtlich wird, sollte die Leitung dies noch mal thematisieren und klarstellen.
  4. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um Sternchenschreib- und Sprechweise einzuführen, denn mit dieser können sich alle angesprochen fühlen. Dazu kann man Zettel mit gegenderten Begriffen schreiben (z. B. Mädchen*, Lehrer*innen) und diese sowohl vorlesen als auch auf dem Boden auslegen. Zur Vertiefung kann das Satzbau-Spiel gespielt werden: Jemand aus der Gruppe beginnt – mündlich oder schriftlich – einen Satz zu bilden. Reihum wird immer ein Wort ergänzt. Es soll ein Satz entstehen, in dem möglichst viele Personenbezeichnungen vorkommen, die alle Geschlechter ansprechen („gegenderte Worte“). Zum Schluss ist eine Reflexion noch einmal sinnvoll: Was habe ich Neues gelernt? Werde ich etwas von dem Gelernten in meinen Alltag einbauen? Worüber würde ich gerne noch mehr wissen?

Im besten Falle haben die Gruppenmitglieder nun viel Neues mitgenommen, was sie anwenden können. Aber wie gesagt, niemand ist perfekt und das dürfen wir auch nicht direkt erwarten. Auch hier gilt: Gute Vorbilder sind wichtig! Und das sind für viele Gruppenmitglieder, besonders für die jüngeren, meistens die Gruppenleiter*innen.

Eure Belana

P.S. Alle benötigten Materialien (Fotos, Begriffe, usw.) für die thematische Gruppenstunde sind bei Bedarf über fatal@j-gcl.org erhältlich.

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